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+++ 26.10.2018 Wenn Manager an Selbstüberschätzung leiden +++

Viele Menschen neigen dazu, ihre Fähigkeiten für besser zu halten, als sie sind. Besonders Top-Manager gehen deswegen häufig hohe Risiken ein – und verzocken sich. Manchmal hilft Selbstüberschätzung aber auch.

Fast elf Jahre dauerte der Aufstieg, nur zwei Jahre der Fall. Rupert Stadler sitzt seit Juni in Untersuchungshaft, weil unter seiner Regentschaft bei Audi Dieselmotoren manipuliert wurden. Stadler Man könnte sich nun fragen, wie es ein erfahrener Konzernchef fertig bringt, sich dermaßen in einen Skandal zu verstricken - und damit gegen alles zu verstoßen, für das er bekannt war: Erfolg. Stadler ist aber nicht der einzige Vorstandschef, der im Laufe seiner Karriere Erfolgsaussichten falsch einschätzte - und scheiterte. Schuld daran, dass Unternehmenschefs sich in Skandale verwickeln, ist hauptsächlich ein psychologisches Phänomen: Die Selbstüberschätzung.

Peter Schwardmann ist Verhaltensökonom an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und erforscht, warum sich Top-Manager wegen zu hohem Selbstbewusstsein verkalkulieren. „Selbstüberschätzung ist eine positive Fehleinschätzung der eigenen Performance und Möglichkeiten“, sagt Schwardmann. Vor allem bei riskanten Zusammenschlüssen von Unternehmen verzocken die Verantwortlichen durch übermäßiges Selbstbewusstsein enorme Summen. Schwardmann will herausfinden, was passiert, wenn Menschen mit übersteigerter Selbstwahrnehmung am Werk sind und welche Kosten Unternehmen sparen, wenn Chefs an weniger Selbstüberschätzung leiden.

Der US-Psychologe Daniel Kahneman erklärt gescheiterte Firmen-Übernahmen mit der „Hybris-Hypothese“: Demnach sind die Führungskräfte der Käufer-Unternehmen schlichtweg weniger kompetent, als sie zu sein glauben. Renommierte Auszeichnungen und Berichte in der Presse, die den Managern zu Ruhm und Ansehen verhelfen, würden das nur noch verschlimmern, meint Kahneman.

Selbstüberschätzung kann gefährlich sein. Selbst wenn „Manager wüssten, wie wenig sie wissen, würden die Führungskräfte dafür bestraft, es zuzugeben“, so Kahneman. Ein Dilemma.

Auch Bewerber für Jobs scheiterten immer wieder an ihren eigenen Lügen, sagt Sabine Frank, Geschäftsführerin des Personaldienstleisters „puro personal“. Besser sei es, so zu sein wie man ist, denn „wenn ich zum Gespräch eingeladen werde, dann besitze ich etwas, das die Firma braucht und sucht“, erklärt Frank.

Indes kann übermäßiges Selbstbewusstsein auch hilfreich sein, wie die Politikwissenschaftler Dominic Johnson und James Fowler argumentieren. Denn damit wachse teils die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. Peter Schwardmann hat das in einer Reihe von Laborexperimenten an der LMU bestätigt.

„Selbstbewusstsein hilft uns beim Überzeugen von anderen und uns in unserer sozialen Welt Vorteile zu verschaffen“, sagt Schwardmann. In seinen Versuchen ließ er Probanden einen Intelligenztest machen, dann sollten die Teilnehmer einschätzen, wie gut sie ihn abgeschlossen hatten. Schwardmann beobachtete, dass siegessichere Menschen, die in einem gestellten Jobinterview später andere von sich überzeugen mussten, selbstbewusster auftraten - und die Stelle bekamen.

Ob sich das Verhalten auch außerhalb des Labors bestätigen lässt, will Schwardmann noch prüfen. Was er herausgefunden hat, ist, dass Menschen sich selbst betrügen, wenn sie dadurch jemanden beeindrucken können. Warum manche selbstbewusster als andere sind, lässt sich daraus nicht ableiten. „Eine Implikation ist, dass Leute die davon profitieren, andere von sich zu überzeugen, zum Selbstbetrug neigen: Politiker, Rechtsanwälte, Manager - Leute, die Anzüge tragen.“

Quelle: dpa/Wiwo   Artikel gekürzt